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11.2.2015 - Azadnagar & Gulamnagar

Am 11. Februar 2015 wurde im Kino Achteinhalb in Saarbrücken der Film AZADNAGAR & GULAMNAGAR gezeigt:
mit Einführung und Diskussion mit Saar-Bündnis „Sklavenlos!"

(Indien, 2007, OmU, Dokumentarfilm, 28 Min.)
Regie: Pravin Mishra

„AZADNAGAR & GULAMNAGAR“ spielt in Indien und bedeutet „Stadt der
Freiheit & Sklavenstadt". Der preisgekrönte Film („Best Documentary
Award", Ahmedabad International Film Festival 2009) erzählt von einem
Leben abseits von „Shining India", Welten entfernt von Bollywood, dem
Glanz der städtischen Schickeria oder dem Laissez Faire an Goas
Stränden. In seinem Mittelpunkt stehen Menschen, die in
Schuldknechtschaft, eine Form von „bonded labour" geraten sind. Und von
solchen, die daraus befreit wurden. Menschen wie Kudaoon oder
Phoolsingh, die für ihre Arbeit im Steinbruch oder auf den Feldern des
Grundbesitzers so wenig oder gar keinen Lohn bekamen, sodass sie bei
ihrem Arbeitgeber einen Kredit aufnehmen mussten, der sie verpflichtete,
solange für ihre „masters" weiterzuarbeiten, bis sie ihre „Schuld"
abbezahlt hätten - was unter diesen Bedingungen und oftmals zusätzlich
verrechneten Wucherzinsen unmöglich war. Von ihnen sowie von
Gewerkschaftern, Vertretern von Nichtregierungsorganisationen und
Arbeitgebern erfahren wir von den Arbeitsbedingungen in
Schuldknechtschaft. Davon, dass, wer fünf Jahre am Stück in den
Steinbrüchen arbeitet, keine Chance hat, älter als 35-40 Jahre zu
werden. Von der ständigen Bewachung und von gelegentlichen
Prügelattacken, um Fluchtgedanken von Anfang an im Keim zu ersticken.
Von den Machenschaften der „masters", die Ehen ihrer Arbeiter
auseinanderzubrechen, um diese zu zwingen, weitere Schulden aufzunehmen,
um sie so weiter an sich zu binden. Von der typischen Resignation der
Schuldknechte, zumeist Angehörige der untersten Kasten oder indigener
Gruppen, die sich in Khemrajs resigniertem Rückblick auf sein Leben
ausdrückt: „Wenn alle Türen geschlossen sind, bleibt einem nichts
anderes übrig, als sich selbst zu verkaufen." Die Frage, die sich durch
den Film zieht, ist, inwieweit das gesetzliche Verbot der
Schuldknechtschaft aus dem Jahr 1976 die Situation der Menschen
verändert hat. Die Bilder und die Geschichten sprechen für sich.

Der aus Westbengalen stammende REGISSEUR PRAVIN MISHRA, 40, ist mehrfach
ausgezeichneter Filmemacher, Maler, Zeitungskolumnist und sozialer
Aktivist. Gegenwärtig hat er eine Assistenzprofessur am Mudra Institute
of Communication Ahmedabad inne. 2007 kandidierte er gegen Narendra
Modi, den heutigen Premierminister Indiens, für ein Abgeordnetenmandat
im Parlament des Bundesstaates Gujarat.

Im Anschluss an „Azadnagar & Gulamnagar" wurde anhand eines vierminütigen
Videoclips JEEVIKA, eine mit mehreren Menschenrechtspreisen
ausgezeichnete SOZIALE UND GEWERKSCHAFTSBEWEGUNG AUS SÜDINDIEN
vorgestellt. Seit den 80ern begleitet Jeevika Schuldknechte/-mägde in
ihrem Freilassungsprozess, organisiert und aktiviert sie… und kratzt an
den Feudal- und Kastenstrukturen, auf denen das System der
Schuldknechtschaft aufgebaut ist. 17.000 Menschen wurden bislang durch
die Unterstützung von Jeevika befreit, in über 2000 Dorfgruppen haben
sich die Betroffenen inzwischen organisiert, 450 Dörfer sind heute frei
von bonded labour. Attac Saar unterstützt gegenwärtig eine
Jeevika-Brückenschule.

HINTERGRUND ZU „BONDED LABOUR“

Bonded labour („gebundene Arbeit") gilt als eine Form von Zwangsarbeit
und ist durch internationale Abkommen geächtet. Dennoch ist sie in
Südasien sowie in einigen Ländern Südamerikas weit verbreitet und
zunehmend auch wieder in Europa und in den USA anzutreffen.
Schuldknechtschaft ist die häufigste Variante von bonded labour: In
Armutsregionen werden Menschen - durch eine Vorauszahlung oder ein gutes
Lohnversprechen - für eine Beschäftigung angeheuert. Nach der
Arbeitsaufnahme - oft an einem entfernten Ort - stellt sich heraus, dass
der Lohn weit unter dem vereinbarten oder lokal üblichen Betrag liegt.
Zudem werden (extrem überhöhte) Kosten für Arbeitsmaterial, Transport,
Unterkunft und Verpflegung in Rechnung gestellt. Die Beschäftigten
bekommen entweder gar kein Geld in die Hand oder werden mit
Kleinstbeträgen abgespeist. In akuten Notfällen erhalten sie vom
Arbeitgeber mitunter einen Kredit, der wiederum mit Wucherzinsen belegt
wird. Die wachsenden Schulden binden sie immer stärker an den
Arbeitgeber. Der unterwirft sie - oftmals verstärkt durch die Wegnahme
von Papieren, Überwachung, Drohungen und Gewalt - zunehmend
ausbeuterischen Arbeitsbedingungen.

Über die Anzahl von Menschen in bonded labour in Indien gehen die
Meinungen auseinander: die Regierung geht von verstreuten Einzelfällen
aus, Nichtregierungsorganisationen schätzen das Ausmaß auf 10-45 Mio.
Menschen.


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